Donnerstag, 13. Februar 2014

Spoken Word - Weckrufe mit Poesie

Spoken Word

Weckrufe mit Poesie

Spoken Word oder Performance Poetry ist eine Darstellungsform, eine Vortragsform, die es in einigen Ländern schon seit Jahrhunderten gibt. Vor dem Internetzeitalter, vor Fernsehen, Radio oder Zeitung, wurden Nachrichten, Ankündigungen, historische Ereignisse mündlich überliefert.
Bei Spoken Word geht es aber um mehr, als nur um die mündliche Überlieferung oder das Vorlesen von eigenen Gedichten. Die Stücke sollen unterhalten, anregen, nachdenklich stimmen. Jeder Künstler hat seinen eigenen Stil, seine eigene Agenda, oft sind die Erzählungen und Gedichte mit dem persönlichen Leben eng verbunden. Rhythmus, Reimschema, Stimme, all das spielt eine wichtige Rolle während der Vorführung. Es sind keine Grenzen gesetzt, wie es zum Beispiel in klassischen Gedichtformen wie Sonetten oder  japanischen Haikus der Fall ist.
Die Übergänge zum Rap und HipHop sind fließend. Im Gegensatz zu diesen Genres wird oft noch mehr Wert auf Inhalt, Ausdruck und Erzählweise gelegt.
Spoken Word gibt es auf der ganzen Welt.

In den USA spricht man die Verbreitung von Spoken Word zu einem Teil der Beat Generation zu, welche bereits in den 40ern und 50ern unter Allen Ginsberg, William Burroughs und Jack Kerouac mit ihren kreativen, neuen Formen des Ausdrucks schockierte.1


Ein Pionier des Spoken Word ist Gil Scott-Heron4. In den 60ern und 70ern wurde er unter anderem durch die Zusammenarbeit mit dem Musiker Brian Jackson bekannt; ihre Mischung aus Spoken Word, Jazz und Soul war ein Meilenstein der Musikgeschichte. 2012 erhielt er posthum einen Grammy für sein Lebenswerk.
Besonders bekannt ist sein Gedicht The Revolution will not be televised5

Während sich heutzutage eine Mehrzahl der Poetry Slam-Teilnehmer in Deutschland, beim Wettstreit der „Dichter”, meistens auf humoristische Erzählungen beschränken,
(siehe Gewinner der letzten drei Jahre:
nutzen viele Spoken Word Künstler in anderen Ländern die Bühne als Plattform für Sozialkritik.

Ich stelle euch drei (englische) Gedichtvorträge vor, die ich sehr bewegend finde. Wenn ihr deutsche Poesie-Künstler kennt, die nicht nur humoristisch unterwegs sind, immer her damit.

1. Kosal Khiev – Why I Write

In den 80ern flüchtet Kosal Khievs Familie mit ihm vor den Roten Khmer (radikal maoistische Diktatur unter Pol Pot in Kambodscha) in die USA. Dort schließt sich Khiev als Jugendlicher einer Gang an, begeht Straftaten und landet schließlich für 14 Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung wird er nach Kambodscha abgeschoben.9 10
Kosal Khiev lernt in der Gefangenschaft Spoken Word als Therapie und Ausdruck seiner inneren Welt zu nutzen.
Sein Stück „Why I Write“ handelt vom Leben im Exil und seinem Neuanfang in einem für ihn unbekannten Land. Harter Tobak, aber ein starkes Video.
Kosal Khiev unterrichtet mittlerweile Jugendliche in Spoken Word in Zusammenarbeit mit A New Day Cambodia11, einer NGO, die jugendliche Kambodschaner mit Unterkunft, Nahrung und Bildung versorgt.


2. Natalie Patterson – Beautiful Body

Natalie Patterson kommt aus Los Angeles und startete ihre Spoken Word Karriere 2002. Sie produzierte und moderierte eine Poetry Slam Show (Da Poetry Lounge) in L.A. und gibt mittlerweile selbst Workshops.
Ich bin durch das Internet-Wohlfühl-Kreativ-Konglomerat Soulpancake14 auf sie aufmerksam geworden.
(Ist übrigens jedem zu empfehlen, besonders „Kid President“ oder „The Science of Happiness“)
In einer Gesprächsrunde „That’s what she said“ diskutierten unterschiedliche Frauen der Kreativ-Branche über Körperbilder, Wahrnehmung und Schönheit von Frauenkörpern.
Zum Abschluss gab es ein Gedicht von Natalie Patterson. Ich habe ihren Auftritt ausgewählt, weil er eine sanftere Seite von Spoken Word zeigt und eine positive Botschaft enthält. Es ist darüber hinaus ein wunderschönes Gedicht.15

Das Gedicht beginnt bei Minute 5:30.


3. Rehema Nanfuka – a traumatized generation

Wenn wir über Spoken Word reden, dann darf eine Performance aus einem afrikanischen Land nicht fehlen. Mündliche Überlieferungen und Spoken Word haben in Subsahara-Afrika eine lange Tradition. Siehe dazu:17 18
Dank der modernen Medien wird Spoken Word einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Das Goethe Institut hat zum Beispiel ein neues Projekt19 gestartet, in dem Spoken Word Künstler aus afrikanischen Ländern aufgezeichnet werden und sich über das Internet der Öffentlichkeit präsentieren können.
Durch das Projekt soll eine Vernetzung der Künstler entstehen und der kreative Austausch der Länder untereinander gefördert werden. (Übrigens gibt es 2014 in Bamako, Mali ebenfalls einen Poetry Slam des Goethe Instituts, dann auf Französisch)

Rehema Nanfuka stellt ihr Gedicht in Kampala, Uganda vor. Eigentlich hat sie einen Bachelor in International Business abgeschlossen, bekannt ist sie aber als Künstlerin und Schauspielerin.20
Ihr Gedicht „a traumatized generation“ erzählt von einem Nachkriegs-Uganda aus Sicht der jüngeren Generation. Tief durchatmen und dann anschauen! (Man kann Untertitel auf Englisch aktivieren)



Spoken Word für alle!

Ich mag Spoken Word. Kraftvolle, kleine Geschichten und Gedichte, die noch tagelang im Kopf umherschwirren. Spoken Word unterhält und inspiriert. Vor allem der direkte Kontakt zum Publikum ist, wie beim Theater oder Musikauftritt, etwas ganz besonderes. Dank des Internets kann jeder daran teilhaben.

Meine weiteren Empfehlungen:

Ein bewegendes Gedicht über Mobbing, visuell grandios umgesetzt.

Eine Performance über südafrikanische Minenarbeiter, vor einer Mine aufgenommen.

Wem Gedichte oder diese Form der Poesie nicht so sehr zusagen, dem empfehle ich Science Slams24. Wissenschaftliche Vorträge anschaulich erklärt. Auch auf Deutsch oft ein Genuss!


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