Donnerstag, 20. Februar 2014

Ja, empört euch!



Empört euch!

Ende 2010 brachte Stéphane Hessel, Widerstandskämpfer und Menschenrechtsaktivist (möge er in Frieden ruhen), sein Manifest Indignez-Vous! Empört euch! heraus.
Mittlerweile wurde das knapp 30 Seiten lange Werk millionenfach in der ganzen Welt verkauft.1
Zu recht, wie ich finde.
Und ja, empört euch!

Das ist jetzt fast vier Jahre her und wurde in der Presselandschaft damals breit und bräsig diskutiert, aber wie so immer verpuffen Hypes so schnell wieder, wie sie gekommen sind.
Ich finde allerdings, dass Hessel mit seiner Schrift nicht einfach nur auf der „Welle der Empörung“ mitgesurft ist oder im Zuge des Arabischen Frühlings ein gutes Veröffentlichungstiming hatte.
Ich finde, dass seine Worte den Kern unseres neuen Zeitalters getroffen haben.
Dass wir uns in unserem Wohlstandsleben durchaus mehr empören sollten.

Hessel war Mitglied der Résistance, der Widerstandsbewegung gegen den Nationalsozialismus in Frankreich und 1948 Sekretär der Dritten Kommission der Generalversammlung der Vereinten Nationen.
Er war live dabei, als die universellen Menschenrechte verfasst wurden.
Und er beschwor in seinem Manifest die nachfolgenden Generationen, das Erbe der Résistance nicht ins Nichts gleiten zu lassen und sich daran zu erinnern, warum die Menschenrechte verfasst worden sind. Warum es gerade heutzutage wichtig ist, sich zu empören.
(Mehr zu Hessel hier2)

Nun ist Hessels Empörung (geboren 1917 in Berlin, 1924 ausgewandert nach Frankreich, Überlebender des KZ Buchenwald, Menschenrechtsaktivist...) aus dem Zuge einer sehr klaren Bedrohung entstanden. Wir jüngeren Generationen haben hier in Deutschland das Glück, nicht in einem Krieg zu leben, nicht Hunger und Not zu leiden oder Angst vor Folter und Mord haben zu müssen.
Aber Hessel hat auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht aufgehört, sich zu empören. In seiner Schrift wünscht er jedem Menschen einen Grund zur Empörung.
Und Gründe gibt es eigentlich genügend.

Gründe zur Empörung
Eine Kernaussage Hessels ist, sich zu empören, wenn die Menschenrechte mit Füßen getreten werden.
Und es ist auch einer der Gründe, warum ich diesen Blog betreibe.
Ich empöre mich, weil ich in einer besseren Welt für alle leben möchte.
Empörung kann klein anfangen, zum Beispiel damit, dass ich mich beschwere, wenn Freunde einen homophoben Spruch ablassen und sich dabei witzig finden.
Das kann im größeren Stil sein, in dem ich bei einer Demonstration, zum Beispiel für die Rechte von Asylbewerbern, mitmache.

Grundlagen für Empörung?
Das statistische Bundesamt DESTATIS erläutert in seinem Bericht von 2013, dass politische Interessengruppen und Parteien an Mitgliedern verlieren. Das Engagement von Ehrenamt und in der Freizeit bleibt jedoch beständig.3
Wir haben im Gegensatz zu anderen Ländern eine oft gar nicht mal so schlechte Wahlbeteiligung und auch Petitionen und Volksbegehren existieren nicht nur als Randgruppe. Aber oft werden Demonstranten mit Randalierern oder Störenfrieden gleichgesetzt oder das Anliegen wird belächelt und heruntergespielt. Bei Sachen, die uns persönlich betreffen, gehen wir auch mal auf die Straße, aber wenn es um Menschenrechte anderer geht, bleiben viele von uns Beobachter?
Ich will damit ein Engagement für die eigene Sache (z.B. für Mindestlohn, gegen Atomkraft, gegen Überwachung...) überhaupt nicht herunterspielen. Dieses Engagement ist genauso wichtig. Aber ich wünsche mir, dass man sich auch bewusst für andere Menschen einsetzt und dass dieses Engagement ebenso wichtig wird.

In seinem Artikel „Aggressiver Humanismus“4 rätselt Philipp Ruch (Zentrum für Politische Schönheit)5 darüber, dass die Demokratie anscheinend keine Menschenrechtler hervorruft. Der Artikel ist sehr lesenswert, auch, wenn ich Ruch nicht in allen Punkten zustimme.
Er appelliert daran, dass Menschenrechtsorganisationen bitte nicht Verzweiflungstaten begehen müssten, um endlich gehört zu werden. Dass wir in unserem heutigen Wohlstand alle Mittel besitzen, um etwas zu verändern.
Und das ist der springende Punkt. Runter vom Sofa und rein in die Empörung! Dabei muss man nicht gleich die ganze Welt retten, sondern kann sich ruhig etwas suchen, für das man sich wirklich engagieren möchte.
Unterzeichnet Petitionen, die euch wichtig sind (ich meine jetzt nicht Lanz absetzen oder so :P), geht auf Demos, die sich für Menschenrechte einsetzen und bleibt immer, immer, immer gewaltfrei. Tauscht euch mit Gleichgesinnten aus und diskutiert mit Leuten, die anderer Meinung sind. Spendet dort, wo ihr mit gutem Gewissen spenden könnt.
Habt dabei immer die Menschenrechte im Hinterkopf.

Stéphane Hessel appelliert an uns alle, nicht die Gleichgültigkeit zu wählen, gegenüber der Empörung.
Empörung ruft Reaktionen hervor und das soll sie auch! Wir brauchen Diskussionen mit Menschen, die nicht unserer Meinung sind, wenn wir wirklich etwas verändern wollen.
Wir brauchen den Austausch, den Anreiz, über etwas anderes als über unsere eigenen Ideen nachzudenken. Nur dann kann sich in den Köpfen der Menschen etwas ändern. Ja, auch in unseren eigenen ;), denn man muss nicht immer Recht haben.
Und ja, das ist oft unbequem.

Beispiele der Empörung
Ich muss damit rechnen, dass eine andere Meinung populärer ist als meine eigene. Dass Menschen sich über Sachverhalte empören, die meiner Meinung nach bereits zur Einhaltung der Menschenrechte beitragen.

Beispiel: Einige Franzosen gehen gegen die Gleichstellung der Ehe für homosexuelle Paare auf die Straße5
Zuletzt demonstrierten Anfang Februar 2014 knapp 80.000 Franzosen lautstark gegen ein bereits abgesegnetes Gesetz, das seit Mai 2013 die Gleichstellung der Ehe für homosexuelle Paare und ein Adoptionsrecht im französischen Gesetz verankert.7
Menschenrechtler weltweit jubelten und doch sind nicht alle Franzosen damit glücklich, viele sind empört.
Da die Demonstrationen gegen das Gesetz im letzten Jahr regelmäßig und zahlenmäßig hoch genug waren, kann man sie nicht ignorieren. Aber man kann sich darüber empören. Man muss sogar darüber reden. Die offensichtliche Angst vor Veränderung, vor der angeblichen Abwertung der Familie, ist nicht nur in Frankreich ein hitzig diskutiertes Thema.
Meiner Meinung nach kann es einfach nicht angehen, dass die Gleichberechtigung für die einen (in diesem Fall gleichgeschlechtliche Paare) als Bedrohung für die anderen (in diesem Fall die französische Familie) gesehen wird.
Und ja, wir sollten uns darüber empören, dass Menschenrechte anscheinend immer nur für einige wenige gelten sollen und nicht für alle. Oder nur dann, wenn uns das Thema passt.

Das ist nur ein Beispiel für Empörung, die in Engagement übergegangen ist und weitere Reaktionen hervorruft. Meinungsfreiheit ist dazu da, dass sie genutzt wird. Und das ist tatsächlich gut für eine Demokratie. In der französischen Gesellschaft wird das Thema weiterhin heftig diskutiert. Es bleibt natürlich zu hoffen, dass die französische Regierung keinen Rückzieher macht, wie es zum Beispiel in einigen US-amerikanischen Staaten der Fall war, bis der Supreme Court DOMA (Defense of Marriage Act) kippte und so eine landesweite Grundlage für die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben schaffte.8

Die Rufe und Aktionen für Menschenrechte dürfen nie die leisesten sein.
Empört euch, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden, werdet laut!
Es wird nicht besser, wenn man nur daran glaubt, auch wenn eine positive Einstellung nicht schadet.

Gerade weil es uns so gut geht, müssen wir uns empören.
Darüber, dass Menschen nicht überall gleich behandelt werden, auch nicht in unserem Wohlstandsdeutschland. Wir haben zum Beispiel noch kein Gesetz, dass homosexuellen Paare die gleichen Rechte gibt, auch wenn wir auf gutem Wege dahin sind.
Darüber, dass Sinti und Roma überall an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, auch in Deutschland.
Darüber, dass Menschen immer noch ausgegrenzt und diskriminiert werden, sei es wegen ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung, ihres Geschlechts oder ihrer Herkunft.
Es gibt viele Gründe, laut zu werden und uns zu empören.
Seien wir also nicht mehr leise.
Empören wir uns!

Linkliste
1Stéphane Hessel: Empört euch! Ullstein-Verlag, Berlin 2011
2http://www.arte.tv/de/stephane-hessel-mit-95-jahren-gestorben/7353880,CmC=7353974.html
3https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Datenreport/Downloads/Datenreport2013Kap13.pdf?__blob=publicationFile
4http://moral-beauty.tumblr.com/post/77059255479/aggressiver-humanismus"
5http://www.politicalbeauty.de
6http://www.dw.de/proteste-gegen-familienpolitik-in-frankreich/a-17404108
7http://www.tagesschau.de/ausland/homo-ehe-frankreich104.html
8http://www.tagesschau.de/ausland/homoehe-usa102.html

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